Was bedeutet eigentlich Ruhe?
Viele Menschen wünschen sich einen ruhigen Hund. Gemeint ist damit häufig ein Hund, der nicht bellt, nicht drängelt, nicht herumläuft und möglichst wenig stört. Doch ein Hund kann äußerlich still sein und sich innerlich trotzdem in großer Anspannung befinden. Echte Ruhe erkennt man nicht allein daran, dass ein Hund liegt.
Stillsein ist nicht automatisch Ruhe
Ein eingeschüchterter oder völlig erschöpfter Hund kann ebenfalls regungslos wirken. Vielleicht bewegt er sich kaum, weil er nicht weiß, welche Reaktion als Nächstes folgt. Vielleicht hat er aufgegeben, seine Bedürfnisse mitzuteilen. Oder sein Körper liegt zwar still, während er weiterhin jedes Geräusch und jede Bewegung überwacht. Auch ein Kommando kann einen Hund zum Liegen bringen. Es kann ihn jedoch nicht automatisch entspannen. Für echte Ruhe müssen Körper und Kopf herunterfahren können.
Wie sieht wirkliche Entspannung aus?
Ein entspannter Hund muss seine Umgebung nicht dauerhaft kontrollieren. Seine Muskulatur wird weicher, seine Bewegungen werden langsamer und seine Atmung gleichmäßiger. Er kann beobachten, ohne jeder Bewegung folgen zu müssen. Vielleicht legt er sich auf die Seite oder auf den Rücken, verändert seine Schlafposition und lässt den Kopf wirklich sinken. Er kann einschlafen, obwohl im Raum normales Leben stattfindet. Nicht jedes einzelne Zeichen beweist Entspannung. Entscheidend ist immer das Gesamtbild und die jeweilige Situation.
Ruhe kann nicht erzwungen werden
Ein Hund kann auf seinen Platz geschickt und dort gehalten werden. Damit wurde zunächst nur sein Aufenthaltsort bestimmt. Innere Ruhe entsteht nicht durch Druck. Sie entsteht, wenn der Hund sich sicher fühlt, die Abläufe verstehen kann und nicht ständig mit der nächsten Ansprache, Berührung oder Aufforderung rechnen muss.
Auch gut gemeinte Aufmerksamkeit kann einen Hund immer wieder hochfahren. Wird er bei jedem Hinlegen angesprochen, gestreichelt oder gelobt, lernt er möglicherweise, dass Ruhe sofort wieder neue Aktivität auslöst. Manchmal ist die beste Unterstützung, den Hund einfach in Ruhe zu lassen.
Ruhe bedeutet nicht Langeweile
Ein ruhiger Hund darf lebendig, neugierig und fröhlich sein. Er darf rennen, spielen und sich begeistern. Entscheidend ist nicht, ob er sich aufregt. Entscheidend ist, ob er anschließend wieder herunterfahren kann. Ein Hund, der von null auf hundert kommt, aber danach selbstständig zur Ruhe findet, besitzt eine wichtige Fähigkeit. Problematisch wird es, wenn er ständig in hoher Erregung bleibt, immer neue Reize sucht oder ohne Hilfe keinen Abschluss findet. Ruhe und Lebensfreude schließen sich nicht aus. Sie gehören zusammen.
Ruhe muss gelernt werden dürfen
Besonders Welpen und Junghunde bemerken ihre eigene Erschöpfung oft erst sehr spät. Sie wirken dann nicht müde, sondern werden immer wilder, beißen in Hände oder Kleidung, laufen rastlos umher und können kaum noch zuhören.
Noch mehr Beschäftigung löst dieses Problem meistens nicht. Der junge Hund benötigt einen ruhigen Rahmen, in dem nichts Neues von ihm verlangt wird. Ruhe lernen bedeutet deshalb nicht, den Hund stundenlang bewegungslos zu halten. Es bedeutet, Aktivität rechtzeitig zu beenden und ihm die Möglichkeit zu geben, selbst herunterzufahren.
Ein Beispiel aus dem Alltag
Ein fremder Besucher kommt ins Haus. Der Hund meldet ihn zunächst, begrüßt ihn und beobachtet die Situation. Danach legt er sich unter eine Bank und schläft.
Er wurde nicht weggesperrt und musste auch nicht dauerhaft beim Besucher bleiben. Er konnte selbst einen geschützten Platz wählen, war weiterhin dabei und musste das Geschehen trotzdem nicht kontrollieren.
Das ist echte Ruhe: Der Hund fühlt sich sicher genug, um seine Aufmerksamkeit abzugeben.
Auch der Mensch beeinflusst die Ruhe
Hunde achten sehr genau auf Bewegungen, Körperspannung und Stimmung. Ein Mensch, der ständig redet, ruft, korrigiert oder den Hund beobachtet, kann ungewollt Unruhe erzeugen. Ruhe vorzuleben bedeutet nicht, sich künstlich langsam zu bewegen oder jede Freude zu unterdrücken. Es bedeutet, in gewöhnlichen Situationen nicht unnötig zusätzliche Erregung hineinzubringen. Ein kurzer Blick, eine klare Bewegung und anschließend wieder Normalität reichen oft aus.
Ruhe ist eine eigene Fähigkeit
Ein Hund sollte nicht nur auf Aufforderung stillliegen. Er sollte mit der Zeit lernen, selbst zu erkennen, wann nichts von ihm verlangt wird und er sich zurücknehmen darf. Diese Fähigkeit macht ihn nicht langweilig oder willenlos. Sie gibt ihm innere Stabilität.
Ruhe bedeutet deshalb nicht – Mein Hund bewegt sich nicht und stört mich nicht.
Sie bedeutet: – Mein Hund fühlt sich sicher genug, nicht ständig reagieren zu müssen, und kann nach Aufregung selbstständig wieder zu sich finden.

