Die Prägung des Tibet Terriers im Rudel
Ein Welpe lernt in seinen ersten Lebenswochen nicht nur durch den Menschen. Einen ebenso wichtigen Anteil an seiner Entwicklung haben die Mutterhündin, der Vater und die anderen Hunde des Rudels.
Sie sprechen dieselbe Sprache wie die Welpen. Ihre Reaktionen erfolgen unmittelbar, verständlich und ohne lange Erklärungen. So lernen die Kleinen, wie Nähe entsteht, wann ein Spiel zu wild wird und dass die Grenze eines anderen Hundes respektiert werden muss.
Die Mutter bestimmt das Tempo
In den ersten beiden Wochen lebt die Mutter mit ihren Welpen in einem geschützten Bereich bei uns im Schlafzimmer. Sie kann jederzeit zu ihnen hinein- und wieder hinausgehen. Dadurch muss sie weder dauerhaft bei den Kleinen bleiben noch um Abstand kämpfen.
Wann sich der Lebensraum der Welpen vergrößert und wann die anderen Hunde näher herankommen dürfen, entscheidet nicht allein ein fester Zeitplan. Wir beobachten die Mutterhündin sehr genau.
Zunächst lernen die Welpen einen größeren, aber weiterhin geschützten Bereich kennen. Später kommen das Wohnzimmer, die Terrasse, ein Stück Rasen und schließlich der restliche Hof hinzu. Jede Erweiterung geschieht dann, wenn die Kleinen bereit dafür sind und die Mutter erkennen lässt, dass sie diesen nächsten Schritt mitträgt.
Lernen von Mutter, Vater und den älteren Hunden
Mit zunehmendem Alter werden die Welpen mutiger. Sie spielen kräftiger, probieren mehr aus und testen, wie weit sie bei den anderen Hunden gehen können.
Die erwachsenen Hunde reagieren darauf unterschiedlich. Die Mutter setzt ihre Grenzen anders als der Vater. Eine ältere Hündin beobachtet vielleicht erst eine Weile, während eine andere schon früher deutlich wird. Gerade dadurch lernen die Welpen verschiedene Persönlichkeiten und unterschiedliche Formen der Kommunikation kennen.
Ein erwachsener Hund muss einen Welpen dafür nicht lange verfolgen oder ständig zurechtweisen. Häufig reichen ein Blick, eine veränderte Körperhaltung oder eine kurze klare Reaktion. Ist die Angelegenheit geklärt, ist sie für den Hund auch wieder beendet.
Der Welpe erfährt dabei etwas Wichtiges: Eine Grenze beendet nicht die Gemeinschaft. Wenige Augenblicke später können beide wieder gemeinsam laufen, ruhen oder spielen.
Wir beobachten und begleiten
Unsere Aufgabe besteht nicht darin, jede Begegnung zwischen den Hunden zu regeln. Wir beobachten genau und greifen ein, wenn es notwendig wird. Solange die Kommunikation ruhig, verständlich und angemessen bleibt, dürfen unsere Hunde jedoch selbst miteinander umgehen.
Sie kennen die Welpen, nehmen ihre Entwicklung wahr und reagieren sehr genau auf deren Verhalten. Dabei sieht man immer wieder, wie aufmerksam die Kleinen die erwachsenen Hunde beobachten und wie schnell sie von ihnen lernen.
Auch die Mutterhündin kann sich an den anderen orientieren. Gerade bei einer Hündin mit ihrem ersten Wurf ist es schön zu sehen, wie sie den erfahrenen Hunden zuschaut und nach und nach ihren eigenen Weg im Umgang mit den Welpen findet.
Eigene Erfahrungen machen dürfen
Zur Entwicklung gehört auch, dass ein Welpe ausprobieren darf. Er muss selbst erfahren können, welche Annäherung freundlich aufgenommen wird, wann ein anderer Hund Ruhe möchte und wie er nach einer kleinen Aufregung wieder herunterfährt.
Wir möchten den Welpen nicht jede Schwierigkeit aus dem Weg räumen. Sie dürfen sich an neue Bereiche herantasten, über Hindernisse laufen und eigene Lösungen finden. Dabei sind sie nicht sich selbst überlassen. Mutter, Rudel und wir Menschen bleiben in ihrer Nähe und geben ihnen den sicheren Rahmen.
So wächst Selbstvertrauen nicht dadurch, dass einem Welpen alles abgenommen wird. Es entsteht, wenn er etwas zunächst vorsichtig versucht und anschließend selbst erlebt: Ich habe das geschafft.
Jeder Welpe entwickelt seine eigene Persönlichkeit
Auch innerhalb eines Wurfes sind die Unterschiede früh zu erkennen. Einer geht neugierig voran, während ein anderer zunächst beobachtet. Manche Welpen suchen schnell die Nähe der erwachsenen Hunde, andere halten sich lieber bei ihren Geschwistern oder beim Menschen auf.
Keiner muss in dieselbe Form passen. Die Gemeinschaft gibt den Welpen Regeln und Sicherheit, lässt ihnen aber zugleich Raum für ihre eigene Entwicklung.
Genau dieses Zusammenspiel ist uns wichtig: Die Welpen wachsen geschützt auf, ohne von allen Erfahrungen abgeschirmt zu werden. Sie lernen vom Menschen, vor allem aber auch von ihrer Mutter, ihrem Vater und den anderen Hunden. Dadurch erleben sie von Anfang an, wie ein ruhiges und verständliches Miteinander innerhalb einer sozialen Gemeinschaft funktioniert.
