Die Welpenschule – bitte genau hinsehen
Eine Welpenschule klingt zunächst nach einem guten Ort, an dem junge Hunde lernen und soziale Kontakte sammeln können. Doch der Name allein sagt noch nichts über die Qualität aus. Entscheidend ist, wie eine Welpenstunde geführt wird und ob die einzelnen Hunde mit ihren unterschiedlichen Charakteren überhaupt wahrgenommen werden.
Ich persönlich bin kein Befürworter klassischer Welpenschulen. Zu häufig erlebe ich dort unkontrollierte Gruppen, in denen zurückhaltende Welpen bedrängt und übermütige Welpen zusätzlich hochgefahren werden. Sozialverhalten entsteht für mich nicht durch möglichst viele wahllose Kontakte, sondern durch ausgewählte Begegnungen mit ruhigen, sozial sicheren Hunden und durch eine klare Begleitung des eigenen Menschen.
Nicht jeder Welpe möchte mit jedem spielen
Welpen sind sehr verschieden. Der eine geht offen auf andere Hunde zu, der nächste beobachtet zunächst und ein anderer möchte vielleicht gar keinen näheren Kontakt. Gerade Tibet Terrier schauen häufig erst einmal, bevor sie sich auf eine neue Situation einlassen.
Das ist weder Unsicherheit noch ein Verhalten, das man ihnen abtrainieren muss. Ein Welpe darf Abstand halten, beobachten und selbst entscheiden, ob er Kontakt aufnehmen möchte. Wird er dennoch in eine Gruppe gedrängt, lernt er nicht, dass andere Hunde etwas Schönes sind. Er lernt vielmehr, dass seine Signale nicht beachtet werden und er der Situation nicht ausweichen kann.
Wenn aus Spiel Bedrängen wird
Gutes Spiel erkennt man daran, dass die Rollen wechseln, kleine Pausen entstehen und beide Welpen freiwillig wieder zueinanderfinden. Rennt dagegen immer derselbe Hund hinterher, wird ein Welpe ständig umgeworfen, festgehalten oder in eine Ecke gedrängt, handelt es sich nicht mehr um ausgeglichenes Spiel.
Auch Verstecken, Fluchtversuche, Erstarren oder ständiges Aufsuchen des eigenen Menschen sollten ernst genommen werden. Ein Welpe muss eine solche Situation nicht „aushalten“, um sozial zu werden.
Eine Hundemutter würde nicht tatenlos zusehen, wenn eines ihrer Kinder dauerhaft bedrängt wird. Sie beobachtet, greift bei Bedarf ein und beendet eine Situation, wenn sie zu viel wird. Genau diesen Schutz und diese Orientierung sollte ein Welpe auch von seinem Menschen erhalten.
Mobbing ist keine Sozialisation
Der häufig gehörte Satz „Das regeln die unter sich“ ist in einer wahllos zusammengestellten Welpengruppe fehl am Platz. Die Welpen kennen einander kaum, besitzen noch keine gefestigte soziale Sicherheit und unterscheiden sich oft deutlich in Größe, Temperament und körperlicher Entwicklung.
Ein zurückhaltender Welpe wird durch wiederholtes Bedrängen nicht automatisch mutiger. Ebenso lernt ein stürmischer Welpe keine Rücksicht, wenn er andere ungehindert überrennen darf. Beide können dabei genau das falsche Verhalten festigen.
Was eine gute Welpenstunde leisten sollte
In einer guten Welpenschule besteht die Stunde nicht aus endlosem Spielen. Das gemeinsame Spiel ist nur ein kleiner Teil. Ebenso wichtig sind Ruhe, die Orientierung am eigenen Menschen und kurze Übungen, die in den Alltag passen.
Kontakte werden passend ausgewählt und aufmerksam begleitet. Die Gruppengröße bleibt überschaubar, es gibt ausreichend Platz und jeder Welpe bekommt Pausen. Ein guter Trainer erkennt früh, wann ein Spiel kippt, und greift ein, bevor ein Welpe überfordert wird.
Der Mensch sollte dabei nicht nur am Rand stehen und zuschauen. Für den Welpen ist er der sichere Ansprechpartner. Sucht der Welpe Schutz, darf er ihn auch bekommen. Er wird dadurch nicht verwöhnt, sondern erfährt, dass er sich auf seinen Menschen verlassen kann.
Eine Welpenschule ist kein Muss
Ein Welpe benötigt keine große Gruppe fremder Hunde, um gutes Sozialverhalten zu entwickeln. Wesentlich wertvoller können einzelne Begegnungen mit ruhigen, souveränen und sozial sicheren Hunden sein. Dabei lernt er klare Kommunikation, Rücksicht und angemessene Grenzen.
Wer eine Welpenschule besuchen möchte, sollte sich vorher eine Stunde ohne Hund ansehen. Wie viele Welpen sind in der Gruppe? Werden stille Signale erkannt? Greift der Trainer rechtzeitig ein? Dürfen Welpen Abstand halten und Pausen machen? Werden die Menschen angeleitet oder stehen sie während des freien Spiels nur daneben?
Wenn sich eine Situation für den eigenen Welpen nicht richtig anfühlt, darf man sie verlassen. Eine Welpenschule ist kein Pflichtprogramm. Entscheidend ist nicht, wie viele Hunde ein Welpe kennenlernt, sondern welche Erfahrungen er bei diesen Begegnungen macht.

