Was bedeutet eigentlich Sozialisation?

Der Hund muss gut sozialisiert werden. Darunter verstehen viele Menschen, dass ein Welpe möglichst viele andere Hunde und Menschen kennenlernen soll. Er wird mitgenommen, herumgereicht, in Welpengruppen gebracht und soll mit jedem Hund spielen dürfen. Doch eine große Anzahl an Kontakten macht einen Hund nicht automatisch sozial sicher. Sozialisation bedeutet nicht, möglichst viel zu erleben. Entscheidend ist, was der Hund bei diesen Erlebnissen lernt.

Sozialisation beginnt früh, endet aber nicht nach der Welpenzeit

In den ersten Lebenswochen sind Welpen besonders offen für Erfahrungen. Sie lernen ihre Mutter, ihre Geschwister, Menschen, Geräusche, Untergründe und alltägliche Abläufe kennen. Diese frühe Zeit ist wichtig. Sie bildet jedoch keine fertige Versicherung für das gesamte spätere Leben. Auch ein gut vorbereiteter Welpe benötigt nach seinem Auszug weitere passende Erfahrungen, verständliche Grenzen und Kontakt zu sozial sicheren Hunden. Gelerntes muss im neuen Alltag erhalten und weiterentwickelt werden. Eine gute Welpenzeit kann eine wertvolle Grundlage schaffen. Sie kann aber nicht jede spätere Entwicklung vorherbestimmen.

Mehr Kontakte bedeuten nicht automatisch bessere Sozialisation

Ein Welpe muss nicht jeden Menschen begrüßen und mit jedem Hund spielen. Zu viele Begegnungen können ihn überfordern oder ihm beibringen, dass jeder Mensch und jeder Hund automatisch Aufregung bedeutet. Später zieht er dann möglicherweise zu jedem Kontakt hin, springt Menschen an oder fährt beim Anblick anderer Hunde sofort hoch. Soziale Sicherheit zeigt sich nicht daran, dass der Hund jeden liebt. Sie zeigt sich auch darin, dass er andere Menschen und Hunde wahrnehmen kann, ohne unbedingt Kontakt aufnehmen zu müssen.

Ein sozialer Hund darf Nein sagen

Sozialverhalten besteht nicht nur aus Spielen und freundlicher Nähe.

Hunde müssen ebenso lernen:
Abstand zu beachten, – Warnungen wahrzunehmen, – ein Spiel zu unterbrechen, – eine Zurückweisung anzunehmen, – sich zurückzunehmen – und nach einem Konflikt wieder in einen normalen Zustand zu finden. Ein kurzes Brummen eines älteren Hundes kann eine saubere soziale Grenze sein. Weicht der Junghund zurück und wird anschließend nicht verfolgt, wurde die Situation klar und fair beendet. Das ist ebenfalls sozialisieren.

Nicht jedes Rennen ist Spiel

Auf Hundewiesen sieht man häufig Hunde, die sich schnell über große Flächen verfolgen. Von außen wirkt das fröhlich. Doch nicht jedes Rennen ist ein ausgeglichenes Spiel. Bei einem guten Spiel wechseln die Rollen. Beide Hunde suchen den Kontakt freiwillig, legen Pausen ein und können sich lösen. Ihre Körper wirken beweglich und nicht dauerhaft angespannt. Wird ein Hund ständig gejagt, bedrängt oder kann den Kontakt nicht beenden, sollte der Mensch eingreifen. Der Hund muss nicht lernen, alles auszuhalten, nur damit er als sozial gilt.

Sozialisation braucht sichere Begleiter

Ein sozial klarer erwachsener Hund kann einem Junghund vieles vermitteln, was ein Mensch nur schwer nachahmen kann. Er begrenzt Aufdringlichkeit, ohne unnötig zu eskalieren. Er lässt nach, sobald der junge Hund reagiert, und trägt ihm den Fehler nicht nach. Danach können beide wieder ruhig nebeneinander sein. Dafür müssen die Hunde sorgfältig ausgewählt und beobachtet werden. Nicht jeder erwachsene Hund ist automatisch ein geeigneter Lehrer. Die regeln das unter sich ist keine verantwortungsvolle Grundlage. Der Mensch bleibt zuständig und greift ein, bevor eine Situation kippt.

Ein gut sozialisierter Hund muss nicht mit jedem auskommen

Auch Hunde haben individuelle Vorlieben. Ein Hund kann bestimmte Artgenossen mögen, andere meiden und bei manchen deutlich mehr Abstand benötigen. Das macht ihn nicht automatisch unsozial. Soziale Kompetenz zeigt sich darin, wie er mit Begegnungen umgeht und ob er Konflikte möglichst angemessen lösen kann. Dazu gehört auch, einem Kontakt auszuweichen, statt ihn auszutragen. Der Mensch darf Kontakte auswählen und muss seinen Hund nicht in jede Begegnung hineinführen.

Menschenkontakte benötigen ebenfalls Maß

Ein Welpe darf unterschiedliche Menschen kennenlernen: Kinder und Erwachsene, ruhige und lebhafte Personen, Menschen mit ungewöhnlicher Kleidung oder Gehhilfen. Das bedeutet aber nicht, dass jeder ihn anfassen oder hochheben muss. Der Welpe darf beobachten, sich freiwillig annähern und wieder entfernen. Ein respektvoller Kontakt vermittelt ihm mehr Sicherheit als viele Hände, denen er nicht ausweichen kann. Auch Besuch im Haus muss nicht zur großen Begrüßungsveranstaltung werden. Der Hund darf zunächst beobachten und erst Kontakt aufnehmen, wenn Ruhe eingekehrt ist.

Umweltgewöhnung gehört dazu

Sozialisation wird häufig nur auf Menschen und Hunde bezogen. Ebenso wichtig sind Erfahrungen mit der Umwelt.
Dazu gehören beispielsweise:
unterschiedliche Untergründe, – alltägliche Geräusche, – Autofahrten, – Tierarztbesuche, – Körper- und Fellpflege, – Treppen, Gitter oder bewegliche Untergründe – sowie ruhiges Warten.
Dabei geht es nicht darum, den Welpen möglichst schnell durch alles hindurchzuführen. Er soll die Möglichkeit bekommen, Neues wahrzunehmen, zu verarbeiten und in seinem Tempo zu erkunden.

Ein Beispiel aus dem Alltag

Welpen fahren gemeinsam in einem offenen, gesicherten Bollerwagen zum Tierarzt. Sie erleben die Fahrt, die Gerüche und die fremde Umgebung zusammen. In der Praxis wartet jeder, bis er an der Reihe ist. Jeder Welpe wird einzeln untersucht. Danach darf er sich frei bewegen und die Praxis erkunden, während die Geschwister noch warten. So wird der Tierarztbesuch weder zu einem abgeschotteten Ausnahmezustand noch zu einer reinen Zwangssituation. Untersuchung, Warten, Gemeinschaft und selbstständiges Erkunden gehören zu einem verständlichen Ablauf.

Sozialisation braucht Erholung

Neue Erfahrungen müssen verarbeitet werden. Ein Welpe, der an einem Tag viele Menschen, Hunde, Geräusche und Orte kennenlernt, ist nicht automatisch besonders gut gefördert. Vielleicht war es schlicht zu viel. Nach neuen Eindrücken benötigt er Schlaf und einen vertrauten Alltag. Nur dann kann aus einem Erlebnis eine hilfreiche Erfahrung werden.

Sozialisation bedeutet deshalb nichtMein Hund muss möglichst früh möglichst viel kennenlernen und mit jedem Kontakt haben.
Sie bedeutetMein Hund sammelt passende, sichere und verständliche Erfahrungen, durch die er lernt, Menschen, Hunde und seine Umwelt zunehmend ruhig und angemessen einzuschätzen.