Fallbericht aus der Praxis: Die Erfindung von Mängeln
Wie perfide die Mechanismen der Angstmacherei funktionieren, zeigt der Fall, das Welpenbesitzer voller Stolz mit seinem vier Monate alten Rüden zur Routineuntersuchung kam. Der Welpe war agil, gesund und bestens entwickelt. Doch statt mit einem Lob für die gute Pflege verließen die Besitzer die Praxis mit weichen Knien. Die Tierärztin hatte beim Abtasten mit ernster Miene erklärt, sie mache sich große Sorgen wegen der viel zu kleinen Hoden des Kleinen. Man müsse das jetzt engmaschig beobachten, eventuell hormonele Therapien starten oder frühzeitig über eine Operation nachdenken.
Die Realität dahinter: Ein vier Monate alter Welpe befindet sich mitten im Wachstum. Die hormonelle Entwicklung der Geschlechtsorgane ist noch lange nicht abgeschlossen, und die Größe der Hoden variiert in diesem Alter völlig normal und ohne jeden Krankheitswert. Wer ein Tibet hat, das sind in der körperlichen Entwicklung Spätzünder.
Doch der emotionale Samen war gesät: Aus dem unbeschwerten Alltag mit einem gesunden Hund wurde über Nacht eine permanente, panische Kontrolle des Genitalbereichs. Dieses Beispiel steht stellvertretend für eine besorgniserregende Entwicklung: Tierärzte, die unter wirtschaftlichem Druck stehen, lassen sich immer absurdere Gründe einfallen, um gesunde Tiere zu Patienten zu deklarieren. Wo früher abgewartet und der Natur vertraut wurde, werden heute künstliche Sorgenkreisläufe geschaffen. Ob es die zu kleinen Hoden beim Welpen sind, eine minimale, altersgerechte Zahnsteinbildung, die sofort zur riskanten Vollnarkose-Reinigung deklariert wird, oder die Empfehlung von teurem Spezialfutter wegen angeblicher Bindegewebsschwäche – das Ziel ist oft dasselbe
Die emotionale Bindung und die Sorge des Halters zu monetarisieren.
Wer Angst hat, stellt keine Fragen. Wer Angst hat, zahlt.

