Sozialisation und soziale Kontakte – Qualität statt möglichst vieler Begegnungen

Viele Menschen verstehen unter einem gut sozialisierten Hund einen Hund, der möglichst viele Menschen und Artgenossen kennt, mit jedem freundlich ist und überall problemlos mitgenommen werden kann. Deshalb sollen Welpen häufig jeden Menschen begrüßen, mit vielen Hunden spielen und möglichst früh sehr unterschiedliche Situationen erleben. Doch eine große Anzahl an Kontakten macht einen Hund nicht automatisch sozial sicher. Entscheidend ist nicht nur, was ein Hund erlebt, sondern wie er diese Erfahrung wahrnimmt und was er daraus lernt.

Sozialisation beginnt früh

In den ersten Lebenswochen sammelt ein Welpe grundlegende Erfahrungen. Er lernt seine Mutter und Geschwister kennen, erlebt menschliche Nähe, Bewegungen, Geräusche, verschiedene Untergründe und die Abläufe seiner Umgebung. Diese frühe Zeit kann eine wertvolle Grundlage schaffen. Der Welpe lernt beispielsweise:
Menschen sind berechenbar.
Berührungen müssen nichts Bedrohliches sein.
Neue Untergründe können erkundet werden.
Geräusche gehören zum Alltag.
Andere Hunde besitzen Grenzen.
Nach Aufregung folgt wieder Ruhe.
Diese Erfahrungen begleiten ihn in sein späteres Leben.

Eine gute Welpenzeit ist keine lebenslange Garantie

Auch ein sehr gut vorbereiteter Welpe benötigt nach seinem Auszug weiterhin passende Erfahrungen. Sein neues Zuhause besitzt andere Geräusche, Menschen, Regeln und Tagesabläufe. Zusätzlich verändert sich der Hund körperlich und geistig. In der Pubertät können bekannte Dinge plötzlich wieder anders bewertet werden. Gelerntes ist nicht einfach verschwunden. Es muss aber im neuen Umfeld weiter gepflegt und sinnvoll ergänzt werden. Kein Züchter kann durch die ersten Lebenswochen jede spätere Entwicklung vollständig absichern. Die zukünftigen Halter übernehmen diese Aufgabe weiter.

Viele Kontakte sind nicht automatisch gute Kontakte

Ein Welpe muss nicht von jedem Menschen angefasst werden und nicht mit jedem Hund spielen. Zu viele Begegnungen können ihn überfordern. Er kann auch lernen, dass jeder Mensch und jeder Artgenosse automatisch Aufregung ankündigt. Später zieht er dann zu jedem Hund, springt Menschen an oder kann an keiner Begegnung ruhig vorbeigehen. Soziale Sicherheit zeigt sich nicht darin, dass der Hund jeden begrüßen möchte. Sie zeigt sich auch darin, dass er andere wahrnehmen und anschließend weitergehen kann.

Ein sozialer Hund darf Kontakte ablehnen

Hunde besitzen unterschiedliche Vorlieben. Ein Hund kann manche Artgenossen mögen, andere ignorieren und bei bestimmten Begegnungen mehr Abstand benötigen. Das macht ihn nicht unsozial. Er darf einem Kontakt ausweichen. Er darf sich abwenden und zeigen, dass ihm ein anderer Hund zu aufdringlich ist. Ein sozial kompetenter Hund muss nicht alles hinnehmen. Er sollte möglichst angemessen mitteilen können, wann seine Grenze erreicht ist.

Sozialverhalten besteht nicht nur aus Spielen

Zum sozialen Lernen gehört ebenfalls:
Abstand einzuhalten,
eine Warnung zu beachten,
ein Spiel zu unterbrechen,
ein Nein anzunehmen,
sich nach Aufregung zurückzunehmen
und nach einem kleinen Konflikt wieder normal miteinander umzugehen.

Ein älterer Hund kann einen aufdringlichen Junghund mit einem kurzen Brummen begrenzen. Weicht der junge Hund zurück und wird anschließend nicht verfolgt, wurde die Situation klar beendet. Das ist keine kaputte Beziehung. Es ist verständliche soziale Kommunikation.

Nicht jedes Rennen ist Spiel

Wenn Hunde über eine Wiese jagen, sieht das für Menschen häufig nach großer Freude aus. Doch nicht jedes Rennen ist ein ausgeglichenes Spiel. Bei einem fairen Spiel können Rollen wechseln. Beide Hunde suchen den Kontakt freiwillig, legen Pausen ein und können sich lösen. Ihre Körper bleiben überwiegend beweglich. Wird ein Hund ständig verfolgt, bedrängt oder am Verlassen der Situation gehindert, ist der Mensch gefragt. Ein Hund muss nicht lernen, unangenehme Kontakte auszuhalten, nur damit er als sozial gilt.

Sozial sichere Hunde können wertvolle Lehrer sein

Ein erwachsener, im Kopf klarer Hund kann einem Junghund Grenzen vermitteln, die ein Mensch nur schwer nachahmen kann.Er reagiert nicht auf jede Kleinigkeit. Wird der junge Hund jedoch zu aufdringlich, wird er kurz und verständlich begrenzt. Sobald er reagiert, endet die Korrektur. Danach können beide wieder gemeinsam laufen, im selben Raum liegen oder sich ignorieren. Der Junghund lernt Ein Nein beendet nur mein momentanes Verhalten – nicht den gesamten sozialen Kontakt. Die regeln das unter sich reicht nichtNicht jeder erwachsene Hund korrigiert fair. Nicht jeder Junghund versteht eine Grenze sofort. Deshalb bleibt der Mensch verantwortlich. Er beobachtet, erkennt steigende Spannung und greift ein, bevor eine Situation eskaliert. Hunde dürfen miteinander kommunizieren. Sie sollten aber nicht gezwungen werden, ernsthafte Konflikte allein auszutragen. Ein soziales Miteinander entsteht nicht dadurch, dass der Mensch jede Verantwortung an die Hunde abgibt.

Auch Menschenkontakte brauchen Freiwilligkeit

Ein Welpe darf unterschiedliche Menschen kennenlernen: Kinder, Erwachsene, ruhige und lebhafte Personen sowie Menschen mit ungewöhnlicher Kleidung oder Gehhilfen. Doch nicht jeder muss ihn anfassen, hochheben oder festhalten. Der Hund darf zunächst beobachten, sich freiwillig nähern und wieder entfernen. Ein ruhiger Kontakt, den er selbst mitgestalten kann, vermittelt häufig mehr Sicherheit als viele Hände, denen er nicht ausweichen kann. Auch bei Besuch im Haus muss er nicht sofort im Mittelpunkt stehen. Er darf melden, beobachten und erst Kontakt aufnehmen, wenn Ruhe eingekehrt ist.

Umweltgewöhnung gehört zur Sozialisation

Sozialisation betrifft nicht nur Menschen und Hunde. Zum späteren Alltag gehören ebenso:
Autofahrten,
Tierarztbesuche,
unterschiedliche Untergründe,
Haushaltsgeräusche,
Körper- und Fellpflege,
bewegliche Gegenstände,
ruhiges Warten
und neue Umgebungen.

Der Welpe soll dabei nicht möglichst schnell durch jede Situation geführt werden. Er benötigt Zeit, selbst zu schauen und die Erfahrung einzuordnen.

Ein Beispiel: der Tierarztbesuch

Welpen fahren gemeinsam in einem offenen und gesicherten Bollerwagen zum Tierarzt. In der Praxis wartet jeder, bis er an der Reihe ist. Anschließend wird jeder Welpe einzeln untersucht. Wer fertig ist, darf die Praxis selbstständig erkunden, während die Geschwister noch warten. Der Besuch besteht dadurch nicht nur aus Festhalten und Untersuchung. Die Welpen erleben Gemeinschaft, individuelles Warten, menschliche Berührungen und anschließend die Freiheit, die neue Umgebung zu entdecken. So kann aus einem notwendigen Termin eine verständliche Alltagserfahrung werden.

Neue Erfahrungen brauchen Erholung

Ein Hund verarbeitet Erlebnisse nicht besser, nur weil möglichst viele davon an einem Tag stattfinden. Nach Menschenkontakten, neuen Umgebungen oder Begegnungen mit anderen Hunden benötigt er Zeit zum Schlafen und Einordnen. Ein Welpe, der immer wilder wird, muss nicht zwangsläufig noch mehr kennenlernen. Vielleicht war es für diesen Tag bereits genug. Sozialisation und Ruhe gehören deshalb zusammen.

Gute Sozialisation schafft keine Kontaktpflicht

Ein gut sozialisierter Hund muss nicht jeden Menschen lieben und mit jedem Hund spielen.
Er sollte lernen können:
Neue Situationen einzuschätzen,
sich bei seinem Menschen zu orientieren,
Kontakt angemessen aufzunehmen,
Grenzen anderer zu beachten,
eigene Grenzen mitzuteilen
und sich aus unnötigen Konflikten zu lösen.

Der gemeinsame Kern

Sozialisation bedeutet nicht – Mein Hund muss möglichst früh möglichst viele Menschen, Hunde und Situationen kennenlernen. Soziale Kompetenz bedeutet nicht – Mein Hund muss jeden Kontakt freundlich ertragen. Beides bedeutet – Mein Hund sammelt passende und sichere Erfahrungen, durch die er lernt, seine Umwelt, Menschen und andere Hunde zunehmend ruhig und angemessen einzuschätzen.