Soziale Kontakte – nicht jeder Kontakt muss sein
Ein Hund braucht soziale Kontakte. Das bedeutet für mich jedoch nicht, dass er möglichst viele fremde Hunde kennenlernen oder mit jedem spielen muss. Entscheidend ist nicht die Anzahl der Begegnungen, sondern das, was der Hund dabei erlebt und lernt.
Manche Hunde finden sofort zueinander. Andere benötigen Zeit, Abstand oder möchten gar keinen näheren Kontakt. Auch das gehört zu einem normalen Sozialverhalten.
Erst einmal schauen dürfen
Gerade der Tibet Terrier geht häufig nicht gedankenlos auf jeden fremden Hund zu. Er beobachtet, schätzt sein Gegenüber ein und entscheidet dann, ob er Kontakt aufnehmen möchte.
Diese Zurückhaltung sollte nicht als Unsicherheit bewertet und auch nicht durch ein erzwungenes Kennenlernen übergangen werden. Ein Hund darf stehen bleiben, ausweichen oder einfach weitergehen. Er muss sich weder beschnuppern noch anfassen lassen, nur weil ein anderer Hund in seiner Nähe ist.
Sozialkontakt bedeutet nicht immer Spiel
Hunde können gemeinsam unterwegs sein, ohne miteinander zu spielen. Sie können nebeneinander schnüffeln, dieselbe Umgebung erkunden oder sich gegenseitig einfach in Ruhe lassen.
Gerade solche unaufgeregten Begegnungen sind wertvoll. Der Hund lernt, dass die Anwesenheit eines Artgenossen nicht automatisch Rennen, Toben oder Aufregung bedeutet.
Ein gemeinsamer Spaziergang mit etwas Abstand ist deshalb oftmals hilfreicher als ein direktes Aufeinandertreffen. Während der Bewegung können sich beide Hunde beobachten und kennenlernen, ohne sofort miteinander umgehen zu müssen.
Wenn Hunde miteinander spielen
Gutes Spiel bleibt beweglich. Die Rollen wechseln, es entstehen kurze Pausen und beide Hunde kehren freiwillig zueinander zurück. Einer läuft voraus, dann der andere. Einer liegt kurz unten und steht anschließend wieder auf. Zwischendurch wird geschnüffelt oder einfach durchgeatmet.
Anders sieht es aus, wenn immer derselbe Hund verfolgt, umgeworfen oder festgehalten wird. Sucht ein Hund Schutz, versucht er ständig zu entkommen oder wird er von mehreren Hunden bedrängt, ist das kein Spiel mehr.
Der Mensch sollte eine solche Situation beenden. Ein Hund muss nicht lernen, sich alles gefallen zu lassen.
Grenzen gehören zum Miteinander
Ein Knurren oder kurzes Brummen ist nicht automatisch ein Zeichen für Aggression. Es kann eine klare Mitteilung sein: Bis hierher und nicht weiter.
Nimmt der andere Hund diese Grenze an und endet die Korrektur sofort, war die Verständigung erfolgreich. Besonders junge Hunde können von ruhigen und sozial sicheren erwachsenen Hunden viel lernen. Sie erfahren, wann ihr Verhalten zu aufdringlich wird und dass ein Nein nicht das Ende des gesamten Kontaktes bedeutet.
Dabei bleibt der Mensch aufmerksam. Nicht jeder erwachsene Hund setzt Grenzen angemessen und nicht jeder junge Hund versteht sie sofort.
Der eigene Mensch bleibt der sichere Rückhalt
Sucht ein Hund bei einer Begegnung Schutz, sollte er diesen auch bekommen. Er wird dadurch nicht schwach oder unselbstständig. Er erfährt, dass sein Mensch die Situation wahrnimmt und ihn nicht alleinlässt.
Das bedeutet nicht, bei jeder Kleinigkeit einzugreifen. Hunde dürfen miteinander kommunizieren und ihre eigenen Erfahrungen sammeln. Der Mensch beobachtet, lässt angemessene Kommunikation zu und handelt, wenn einer der Hunde die Situation nicht mehr selbst lösen kann.
Im eigenen Rudel entstehen echte Beziehungen
Hunde, die zusammenleben, müssen nicht ständig miteinander spielen oder dicht nebeneinanderliegen. Auch innerhalb eines Rudels entstehen unterschiedliche Beziehungen.
Der eine Hund sucht häufig die Nähe eines bestimmten Sozialpartners, während ein anderer lieber etwas abseits liegt. Einer übernimmt bei den Welpen mehr Erziehung, ein anderer spielt mit ihnen und wieder ein anderer beobachtet nur. Jeder Hund bringt seinen eigenen Charakter und seine eigenen Fähigkeiten in das Zusammenleben ein.
Ein harmonisches Rudel erkennt man nicht daran, dass alle immer dasselbe tun. Es zeigt sich darin, dass die Hunde einander verstehen, Rücksicht nehmen, Grenzen respektieren und sich auch zurückziehen dürfen.
Weniger kann mehr sein
Einige passende und verlässliche Hundekontakte können einem Hund mehr geben als ständig wechselnde Begegnungen. Er muss nicht jeden fremden Hund begrüßen und benötigt auch keine regelmäßigen Treffen auf großen Freilaufflächen, um sozial zu sein.
Soziale Sicherheit zeigt sich nicht darin, dass ein Hund zu jedem hinmöchte. Sie zeigt sich ebenso darin, dass er einen anderen Hund wahrnehmen, ruhig an ihm vorbeigehen und sich anschließend wieder seinem eigenen Menschen zuwenden kann.
Ein Hund darf Freundschaften schließen. Er darf Kontakte ablehnen. Und er darf selbst mitentscheiden, wem er näherkommen möchte.

